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Schwabenkinder-Ausstellung in Wolfegg avanciert zum Publikumsmagneten

Wolfegg (BHM) – Bereits seit dem 17. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zogen Kinder im Alter zwischen 6-14 Jahren aus den Alpengebieten nach Oberschwaben, in die Bodenseeregion und ins Allgäu, um sich auf regelrechten Hütekindermärkten als saisonale Arbeitskräfte an die dortigen Bauern zu verdingen. Seit Ende März diesen Jahres zeigt das Bauernhaus-Museum im oberschwäbischen Wolfegg seine viel beachtete Dauerausstellung zu diesem sozialgeschichtlichen Phänomen der Arbeitsmigration der sogenannten „Schwabenkinder“.

Von nah und fern strömen die Besucher nach Wolfegg in die ländliche Idylle Oberschwabens, um sich dort mit einem weniger postkartentauglichen Motiv neuerer Zeitgeschichte auseinanderzusetzen. An manchem Wochenende sind es einige Tausend. „Der Besucherzuspruch und das Interesse an dieser Thematik, in den ersten sechs Monaten nach der Eröffnung, hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen.“ So eine erste Bilanz von Museumsleiter Stefan Zimmermann M.A., der das Ausstellungs-Projekt seit Anbeginn begleitet. Ein Thema das berührt und bewegt. Zeitlos – denn Kinderarbeit heute ist Usus, und dies nicht nur in den sogenannten Dritte-Welt-Ländern. Nach jüngsten Schätzungen der UNICEF müssen weltweit 158 Millionen Kinder zwischen fünf und 14 Jahren arbeiten. Viele von ihnen unter teils menschenunwürdigen Bedingungen - in Fabriken, in Steinbrüchen oder auf Plantagen.

Schicksale offenbaren sich interaktiv und medienübergreifend

In der großen Zehntscheuer auf dem weitläufigen Gelände des Bauernhaus-Museums erwartet den Besucher ein museales Vermittlungskonzept auf Höhe der Zeit. Es ist dies eine gelungene Komposition aus klassischer Vermittlung mit wenigen ausgesuchten Exponaten und atmosphärisch dichten Videoinstallationen, eingebettet in eine unaufdringliche Ausstellungsarchitektur. Durch vier thematisch bespielte Ausstellungs-Kuben: Heimat, Weg, Markt und Arbeitsalltag – werden die Besucher multimedial geführt, mit einem iPod. Die Einbindung des Besuchers ist zentrales Element der Ausstellung. Hier wird der Ausstellungsbesucher selbst zum „Schwabenkind“. Via iPod, und der Biographie eines Schwabenkindes im „Gepäck“, begibt sich der Besucher auf den Weg durch die Ausstellung. So werden die Schicksale personalisiert, vom Aufbruch in der Heimat, bis zum Arbeitsalltag auf einem oberschwäbischen Hof, erlebbar. Sechzehn Biographien vermitteln auf diese Weise ein genauso bewegendes wie differenziertes Bild von der Lebenswirklichkeit der Schwabenkinder. So beginnt die eine im 17. Jh., die andere z.B. im 19. Jahrhundert. Ein Junge oder ein Mädchen, 13 Jahre oder 8 Jahre alt, jede Geschichte nimmt einen anderen Verlauf. Erst im Dialog mit anderen Ausstellungsbesuchern offenbart sich die vielschichtige Historie der Schwabenkinder. Die Biographien wurden von Kindern aus den Herkunftsgebieten der Schwabengänger eingesprochen – alle im gleichen Alter wie die Schwabenkinder einst. Am Ende des Weges durch die Schau liegen so genannte „Erlebnisbücher“ für jedes der sechzehn Schwabenkinder auf. Hier hat der Besucher die Möglichkeit seine gewonnenen Eindrücke und Gedanken nach dem Ausstellungsgang zu Papier zu bringen. Und davon machen viele Gebrauch, was vor allem Christine Brugger M.A., Historikerin und Kuratorin der Ausstellung, erfreut. „Die Geschichte – respektive die Geschichten – der Schwabenkinder stößt überregional auf großes Interesse in allen Altersgruppen. Offensichtlich ist es gelungen, das Ausstellungserlebnis der Besucher durch den Einsatz digitaler Medien zu unterstützen, ohne dass diese zu dominant wirken.“

Kompetenzzentrum für die Geschichte der Migration aus dem Alpenraum

Die Ausstellung in Wolfegg ist eigentlich nur das öffentliche „Schaustück“ der mehrjährigen Forschungsarbeiten zu dem von der EU grenzüberschreitend geförderten Projekt „Die Schwabenkinder“. Zusammen mit 26 Projektpartnern aus Baden-Württemberg, Vorarlberg, Tirol, Graubünden, Liechtenstein und Südtirol begeben sich Historiker aus fünf Ländern auf deren Spuren. Die grenzübergreifende Zusammenarbeit setzt sich aus mehreren Projekt-Bausteinen zusammen: Ausstellungen, gemeinsame wissenschaftliche Recherche und das Erstellen einer Datenbank, Museumspädagogik, Workshops und Konferenzen, Rekonstruktion der historischen Routen der Schwabengänger, Austausch von Informationen und Kontakten. Die jüngsten Erkenntnisse zum Stand der Erforschung dieser temporären Abwanderung von Kindern und Jugendlichen aus dem Alpenraum finden sich auch in dem Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung „Die Schwabenkinder – Arbeit in der Fremde vom 17. Bis 20. Jahrhundert“. Als inhaltliche Ergänzung und Erweiterung zur Dauerausstellung soll bis zum Start der kommenden Museumssaison im Frühjahr 2013 eine Sonderausstellung konzipiert werden, die sich mit den unterschiedlichsten Migrationsbewegungen aus dem Alpenraum insbesondere nach Oberschwaben auseinander setzt.

Weiterführende Informationen zu dem Projekt: www.schwabenkinder.eu

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Fünfzehn verschiedenen Biographien von Schwabenkindern sind via iPod abrufbar105.38 KB