Liebe geht DOCH durch den Magen: Das Oktoberfest der verpassten Gelegenheiten
Pressetext verfasst von extremnews am So, 2013-09-29 15:14.Das Bier fließt wieder in Strömen auf der Wies'n in München. Aber es muss ja nicht das berühmte Oktoberfest sein. Auch kleinere Anlässe können Menschen zusammenbringen … oder auseinander.
Das liegt nicht nur daran, dass Du keine geeignete Garderobe hast (Dein leicht folkloristisch hirschbeknopfter Spencer, den Du als “Jodeljacke” bezeichnest, ist nicht nur zu dünn für die Jahreszeit, sondern auch deutlich zu wenig Stoff für den Anlass und die Krachledernen Deiner Kindheit wären ohnehin viel zu winzig, würden sie denn noch existieren).
Es ist vielmehr dem Umstand zuzuschreiben, dass Dich Massenausläufe dieser Art noch nie wirklich interessiert haben. Außerdem geht man am besten nicht allein auf ein solches Fest. Und Du bist nun gerade wieder allein, seit genau einer Woche, seit jenem Fest, das dann begann und endete, als auch die Wies'n ihre Tore öffnete..
Da waren keine geschnürten Damen, die in feinen Dirndl-Stoff gebundene, appetitliche Auslagen draller Weiblichkeit zur Schau stellten und da waren keine Männer, die aus teuren Lederhosen ihre Waderln baumeln ließen. Nein, das war das kleine und überschaubare Fest zum 100jährigen Bestehen Eurer örtlichen Feuerwehr gewesen.
Ihr wart dort hingegangen, um einfach einmal aus dem Haus zu kommen und nicht kochen zu müssen.
Das war also – anders als das Oktoberfest - ein einmaliges Fest, einer völlig anderen Tradition gewidmet. Ein Fest, das zwar mit Bier und Wurst begangen wurde, doch waren es hier Brat- und Currywürste, die man den ganzen Tag über essen konnte und nicht nur bis zum Mittag. Ein Fest ohne Trachten auch … oder vielleicht nicht. Vielleicht war da in ganz anderem Sinne ein Trachten gewesen, von seiner Seite aus. Oder von ihrer. Oder von beider … Wer weiß das? Und macht es einen Unterschied?
Kann jemand so schnell, so plötzlich eine doch auch schon irgendwie tradierte Beziehung einfach hinter sich lassen, ohne jeden Anlass? Oder gab es Anlässe, die Du übersehen hattest?
Du hattest nicht tanzen wollen. Du hast Dir noch nie etwas aus dieser Tanzerei gemacht. Das hatte sie nie vorher gestört. Warum an diesem Abend? Und warum hattest Du zugelassen, dass er die Lücke gefüllt, die Rolle eingenommen hatte, die Dir zustand, die sie Dir angeboten hatte?
Kann das sein, dass eine Viertelstunde gemeinsamen Tanzes den Anfang einer Liebe bedeuten kann, die eine bestehende Beziehung beendet?
Du stellst Dir diese Frage immer wieder, obwohl Du genau weißt, Du wirst keine Antwort finden. Vielleicht gibt es auch wirklich keine. Vielleicht ist die Frage falsch.
Immer mehr fällt Dir ein, was Du sie hättest fragen sollen - nicht erst vor einer Woche, sondern vor langer Zeit.
Aber am letzten Samstag hättest Du es noch tun können. Es war die letzte Chance gewesen. Seltsamerweise waren Dir schon Dinge eingefallen, als sie den zweiten Tanz mit ihm getanzt hatte, Dinge, die Du hattest sagen wollen.
Doch dann kam sie zurück an Euren Tisch und keine Silbe davon kam über Deine Lippen.
Inzwischen ist die Liste des Ungesagten länger geworden. Und auch die der Gelegenheiten, die Du in den Jahren zuvor nicht genuztz hast.
Du hast den größten Fehler begangen, den man nur begehen kann: Die Anwesenheit des Menschen, den man liebt, als etwas Gegebenes zu erachten, etwas Normales und Unumstößliches, anstatt in ihr ein Geschenk zu sehen, auf das man keinen Anspruch hat.
Warum ausgerechnet einer von der Feuerwehr? Ihr hattet, solange ihr zusammen gewesen wart, doch eine ganze Reihe von Männern getroffen, in denen Du eher eine potenzielle Bedrohung hättest wahrnehmen können. Männer, die besser aussehen, die interessanter sind, witziger, charmanter …
Aber wenn Du wirklich darüber nachdenkst, weißt Du es natürlich: Es ging nicht um den Mann zu dem sie ging, sondern um den, von dem sie sich entfernte. Es ging um Dich. Hättest Du es vermocht, sie so anzusehen, wie er es getan hatte, hättest Du ihr das Gefühl gegeben, für Dich etwas Besonderes und begehrenswert zu sein, säße sie jetzt neben Dir. So wie in den vergangenen Jahren. So wie vor acht Tagen. Nur glücklicher, zufriedener.
Du erinnerst Dich noch sehr gut daran, wie Ihr Euch fertig gemacht hattet, um das Haus zu verlassen, um zu jener Veranstaltung zu gehen, die sich als Dein persönliches Oktoberfest der verpassten Gelegenheiten erwiesen hatte.
“Wenn's doof ist, gehn wir eben wieder”, hattest Du gesagt. “Nach dem Essen.”
“Weißt du”, hatte sie erwidert, “ich hätte mal Lust auf was GANZ anderes. Zu schade, dass wir wohl hier kaum sowas wie das Oktoberfest in München erwarten können. Ich hatte noch nie einen richtigen bayerischen Radi. Das wär' doch mal wenigstens was Neues.”
“Du willst nur die Hax'n von irgendwelchen Bauern sehn, das ist alles. Schweinshaxen”, hattest Du geantwortet und Dir die Schuhe gebunden.
“Was bedeuten würde, dass alle Männer Schweine sind. Und dem würde ich mich nie anschließen.”
Du hattest nur nachdrücklich an dieser Stelle gegrunzt und Dich auf keine weitere Diskussion eingelassen.
Sie hat ihren Radi nicht bekommen. Nicht wirklich. Aber vielleicht in einem metaphorischen Sinn ...
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