Auch Kritik über Unfairness sollte fair sein

Birgit Zeller, Leiterin des Landesjugendamtes Rheinland-Pfalz und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter kritisiert die Süddeutsche Zeitung wegen Ihres Magazinbeitrags „In Fremden Händen“. Sie kritisiert den Beitrag – nicht ganz zu Unrecht – als Einseitig. Als Vorsitzender des Vereins Kinder sind Menschen e.V. erhalte ich fast täglich solche Meldungen. Im Rahmen unserer Tätigkeit überprüfen und analysieren wir die Fälle anhand von Gerichtsprotokollen und Gutachten. Fälle, wie sie im SZ-Magazine dargestellt wurden gibt es genügend – anhand von Akten nachweisbar. Ohne Prüfung der Aktenlage ist eine objektive Beurteilung kaum möglich. Dass wissen unseriös arbeitende Jugendämter auch, weshalb sie die Akteneinsicht verweigern. Viele der 600 Jugendämter arbeiten korrekt; natürlich gibt es dort auch Pannen und Fehlentscheidungen. Wer nichts zu verbergen hat, hat kein Problem damit sich in die Akten schauen zu lassen. Wir stufen die Jugendämter, anhand der Bereitschaft den Betroffenen Akteneinsicht zu gewähren, in seriös und unseriös ein.
Mit der vielbeschworenen Transparenz seitens der Jugendämter ist es nicht weit her. Eine Zusammenarbeit mit den Jugendämtern ist nahezu unmöglich. Da wir schön solche Probleme haben, obwohl wir nicht journalistisch tätig sind und die Informationen unserer Mitglieder vertraulich sind, werden die Jugendämter wohl kaum bereit sein Journalisten die Wahrheit zu sagen.
Bisher waren die Berichte der öffentlichen Medien eher einseitig zu Gunsten der Jugendämter. Wir sehen den SZ-Beitrag als Indiz dafür, dass Journalisten endlich mal Bereit sind der Öffentlichkeit die andere Seite zu präsentieren.
Wenn jemand in dieser scharfen Form kritisiert, so wie Frau Zeller, kritisiert er sich mitunter selbst. Frau Zeller schreibt, Zitat: „Therapeutinnen geben die Erkenntnisse, die sie im Rahmen ihrer Arbeit gewinnen, nicht an die Jugendämter weiter. Das dürfen sie nicht, denn sie unterliegen der Schweigepflicht und müssen die Regeln des Datenschutzes beachten.“ Was sie jedoch verschweigt, ist die Tatsache, dass diese Schweigepflicht systematisch umgangen wird. Jugendamts-Mitarbeiter sind gehalten sich gleich zu Beginn ihrer „Hilfe“ eine Schweigepflichtentbindung unterschreiben zu lassen. Einer von uns durchgeführten Studie zufolge entspricht kaum eine dieser Entbindungen den gesetzlichen Vorgaben. Insbesondere die Vorgeschriebene Aufklärung über Zweck und Ziel dieser Aktion bleibt aus oder ist unzureichend. Keine der von uns befragten Personen gab an, ausreichend informiert worden zu sein. Besonders bedenklich erscheint uns ein Vordruck der Netzwerkstelle Kinderschutz des Jugendamts Koblenz (Rhpf) heißt es: „Diese Erklärung ist zu jedem Zeitpunkt widerrufbar. Ansonsten gilt sie über meinen Tod hinaus“.
Die Netzwerke Frühe Hilfe, die den Jugendämtern unterstellt sind, haben die Aufgabe Daten zu sammeln. Zu den Informationsgebern der Netzwerke (Jugendämter) gehören auch Psychologen und sogar die Familienrichter. Eine leichtfertig unterschriebene Schweigepflichtentbindung kann verhängnisvoll sein. Nicht gerade selten sind Formulierungen wie: „gegenseitiger Informationsaustauch“, auch werden oft Institutionen statt Namen genannt. Deshalb empfehlen wir unseren Mitgliedern immer, alle Schweigepflichtentbindungen zu überprüfen und gegebenenfalls zu widerrufen oder durch gesetzeskonforme zu ersetzen, um Missbrauch vorzubeugen.
Laut offiziellen Statistiken (Statistisches Bundesamt) liegt in nur bei etwa 16% der Inobhutnahmen eine akute Gefährdung (zwingende Notwendigkeit) vor. Hier ist Kritik mehr als angebracht. Frau Zeller tut den seriösen und gut arbeitenden Jugendamtsmitarbeitern gewiss keinen Gefallen, wenn sie aus PR-Gründen jegliche Kritik pauschal zurückweist. Das willkürliche oder übereilet Herausreißen der Kinder aus der Familie wird in der Regel weder von den Eltern noch von den Kindern als Hilfe empfunden. Wenn Frau Zeller ernsthaft daran gelegen ist, den Ruf der Jugendämter zu verbessern, dann sollte sie Kritik nicht einfach zurückweisen, sondern ernst nehmen und die Ursachen bekämpfen.
Fairness kann sie nur erwarten, wenn sie selbst fair ist und von den Jugendämtern Fairness gegenüber den Eltern und Kindern verlangt.

Richard Moritz für den Verein Kinder sind Menschen.