Bis der Spargel in die Konservenbüchsen wächst

Nach dem Willen der Europäischen Kommission wird künftig jeder EU-Mitgliedstaat den von der EU zugelassenen Anbau von gentechnisch veränderten Organismen in seinem Hoheitsgebiet untersagen können. Das klingt nur gut. Denn so soll der lästige Widerstand mehrerer Staaten gegen EU-weite Anbauzulassungen beseitigt werden. Wird aber die genmanipulierte Pflanze erst einmal innerhalb der EU produziert, können auch Mitglieder, die den Anbau für ihr Hoheitsgebiet verbieten, deren Einfuhr wegen des freien Warenverkehrs nicht mehr verhindern.

Lange bevor die heutige nahezu schrankenlose Agro-Gentechnik entstand, ging manche Züchtung dem Schriftsteller Victor Auburtin (1870-1928) zu weit, der in seinem 1911 erschienenen Bändchen „Die Onyxschale“ folgenden bedenkenswerten Text veröffentlichte:

„Die Patentfrüchte

Eine illustrierte Zeitschrift erzählt von einem amerikanischen Gärtner, dem es gelungen ist, Pflaumen zu züchten, die keine Kerne haben, und Mandeln ohne Schalen.

Auf solche Bequemlichkeiten geht unsere ganze Entwicklung hinaus, und wir werden am Ziele sein, wenn der Spargel aus dem Sandfeld gleich fertig in die Konservenbüchsen hineinwächst. Vorläufig jedoch bin ich ganz zufrieden, dass ich diese Herrlichkeit nicht mehr miterleben werde. Ich freue mich der spröden Widerstände der Natur und füge mich darein, dass die Früchte auf unserem Tisch nicht von amerikanischen Pflanzern, sondern von irgendwem anderen ausgedacht wurden.

Denn die amerikanischen Pflanzer sehen nur darauf, dass recht viel ins Maul hineinkommt, und haben für das Akzessorische keinen Sinn. Wenn es immer nach ihnen gegangen wäre, hätte der Pfirsich seine hingehauchte Farbe nicht und die Erdbeere nicht den dionysischen Duft, der edler ist als alle Fresserei. Was kommt es uns auf den Duft an, Gentlemen; dafür züchten wir jetzt eine pa. Erdbeere – Marke Wolkenkratzer Nr. 6 –, die ist so groß wie eine Runkelrübe.

Freuen wir uns, dass wir es nicht mehr miterleben werden. Und wenn uns der Genuss des Obstes durch Stacheln und Schalen und harte Steine erschwert wird, so nehmen wir auch das hin. Und denken an den dornigen Paradiesesgarten, in dem das alles zum ersten Male wuchs und wucherte, und in dem Gott der Herr lustwandelte, des Abends, da der Tag kühl geworden war.”

Dass an die Stelle niedlicher Gärtner längst mächtige Chemieriesen wie der Monsanto-Konzern aus Missouri getreten sind, macht die Sache nicht besser.

Gerhard Frey jr.


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