Kinderheime: Petitionsausschuss beschließt Bildung eines Runden Tisches/Antje Vollmer übernimmt Vorsitz

„Warum hat man mir das angetan? Warum wurde ich 17 Jahre lang eingesperrt?“ Diese Fragen kommen nur schwer über die Lippen des ehemaligen Heimkindes Richard Suckert. Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages hat heute die Bildung eines Runden Tisches beschlossen, den Vorsitz übernimmt die ehemalige Bundestagsabgeordnete Antje Vollmer, dafür hat sie Lob vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert bekommen: „Das ist eine schwierige Aufgabe.“

Bei einer öffentlichen Sitzung des Petitionsausschusses berichteten ehemalige Heimkinder über sexullen Missbrauch, Zwangsarbeit und Menschenrechtsverletzungen, sie sprachen über ein „dunkles Kapitel deutscher Sozialgeschichte“. Auch die Verweigerung von Bildung sei eine Menschenrechtsverletzung.

Die hat auch Wolfgang Focke in einem nordrhein-westfälischen Kinderheim erfahren: „Das Lesen habe ich mir selbst beigebracht. Schreiben kann ich immer noch nicht.“ Man habe seine Jugend „kaputt gemacht und seine Seele zerstückelt“.

Seine Ausführungen liest er von einem Blatt Papier ab, vom Petitionsausschuss fordert er die Bildung eines Fonds, in den alle betroffenen Träger und Einrichtungen, Kirchen, Firmen, die von Heimkinderarbeit profitiert haben, und der Staat einzahlen sollten. Jedem ehemaligen Heimkind stehe Schmerzensgeld und eine Zuzahlung zur Aufstockung geringer Renten zu.

Über zwei Jahre hat sich der Petitionsausschuss mit dem Thema „schwarze Pädagogik“ in Kinderheimen während der 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahre beschäftigt, der Bundestagspräsident nennt es „ärgerlich“, dass es so lange gedauert habe, Antje Vollmer stuft den Runden Tisch als „kleine Wahrheitskommission“ ein, die nun vier Schritte gehen müsse: 1. Den Betroffenen genau zuhören, 2. Die damalige Heimerziehung einordnen und vergleichen, 3. Mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten und 4. Lösungsvorschläge erarbeiten.

Für Richard Suckert steht fest: "Wir brauchen nicht zu lügen. Wir sagen die Wahrheit."

Ein Beitrag für http://kinderinheimen.blogspot.com und www.onlinezeitung24.de


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Öffentliche Anhörung des Petitionsausschusses am 26.11.2008

Zunächst freuen wir uns natürlich alle sehr, dass - sogar in Anwesenheit des Bundestagspräsidenten und im Bundestags-TV übertragen - eine öffentliche Anhörung im Petitionsausschuss statt fand und BT-Vizepräsidentin Antje Vollmer den Vorsitz des Runden Tisches übernehmen will. Aber dies heißt noch gar nichts. Ein typisch deutsches, geflügeltes Wort heißt: Und wenn man nicht mehr weiter weiß, dann bildet man nen Arbeitskreis. Im Gegensatz zur Evangelischen Kirche Deutschlands, deren Diakonie-Präsident immer noch nach einem Vorsitzenden für seine Runde Kaffeetafel sucht, ist der Petitionsschuss schon weiter. Allerdings vermisse ich den geforderten Opferentschädigungsfond, in den Kirche, Staat und damit Steuerzahler einzahlen sollen, um den Opfern wenigstens im Alter das würdevolle Leben zu ermöglichen, das ihnen in ihrer Kindheit und Jugend vorenthalten wurde. Halten wir im Hinterkopf: Viele Biographien wären völlig anders verlaufen, hätten viele Heimkinder und Jugendliche diese Terrorzeit nicht erlebt.

Mir fiel auf, dass selbst von Seiten der Opfer nicht einmal das Wort "Verbrechen" gefallen ist. Wenn selbst sie die Grausamkeiten und Verbrechen, die ihnen angetan wurden, nicht richtig zuordnen können, werden natürlich die Rechtsnachfolger der Einrichtungen, in denen unzweifelhaft Verbrechen stattgefunden haben, sich hüten, ihrerseits den Begriff anzuführen. Und solange die Fakten nicht mit den richtigen Begriffen versehen werden, werden sie verharmlost.

Zusammengefasst: Natürlich sollten wir uns alle freuen, aber dabei noch intensiver an die Arbeit gehen und versuchen, selbst Einfluss auf den Runden Tisch zu nehmen. Damit all die unangenehmen Punkte, über die man gar nicht so gerne sprechen will (aufrichtige Entschuldigung, großzügigere Auslegung des Opferentschädigungsgesetzes, Garantie an die Opfer für einen menschenwürdigen Lebensabend, etc.) auf die Tagesordnung kommen. Denn sonst ist es so, wie zunehmend mehrbefürchten, dass einfach gewartet wird, bis das Problem biologisch gelöst wird. Pastor Schäfer von der Akademie Bad Boll bringt es auf die knappen Worte: Die Zeit hilft sparen, denn derweil „sterben die Leut.“

Über Heinz-Peter Tjaden