Interview mit Ali Reza Sheik Attar, Botschafter der Islamischen Republik Iran in Deutschland

„Persien ist wunderschön, gastfreundlich, geheimnisvoll und weltoffen zugleich“ – Ali Reza Sheik Attar kommt ins Schwärmen, wenn er von seiner Heimat spricht. Der Botschafter des Iran in Deutschland tut etwas, was unpopulär erscheinen mag ob der Nachrichten aus dem Mittleren Osten: er empfiehlt Iran als Reiseland.

Auf die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes ist Seine Exzellenz Sheik Attar nicht gut zu sprechen: „Die Empfehlungen für Reisen nach Iran entsprechen leider nicht der Realität und beunruhigen Menschen, die an einer Iranreise interessiert sind – obwohl alle Leute, die bisher nach Iran gereist sind, von der Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Iraner begeistert waren“, so der Botschafter. Attar beruhigt: „Im Iran müssen Sie sich weniger als in manchen europäischen Ländern um mangelnde Sicherheit oder Terroranschläge sorgen“. Einzig im Südosten Irans habe es schon Probleme gegeben – „fragen Sie mal den amerikanischen Geheimdienst, der dort nachweislich Terroristen unterstützt“, geizt Sheik Attar nicht mit Kritik an den USA. „Die Sicherheit im Irans sucht ihresgleichen auf der Welt“, stellt sich der Botschafter gegen die „gängigen Vorurteile“. „Iran ist ein Land mit einer jahrtausendelangen faszinierenden Geschichte und einer reichen Kultur. Wer nach Iran reist, muss allerdings wie überall anders auch die Gesetze des Landes respektieren, zum Beispiel auf Alkohol verzichten, die Kleiderordnung beachten und die religiösen Sitten respektieren“.

Iran und Israel – auch dazu hat der Botschafter einiges zu sagen. Die geistige Grundlage der Islamischen Republik Iran sei der Islam. Islam bedeute Hingabe an den Gott, der die Welt und die Menschen aus Liebe geschaffen hat und will, dass Seine Geschöpfe in Liebe und Frieden leben, ebenso wie Er die Menschen liebt. So sei der Islam eine Lebenslehre für die Menschen, auf Frieden und Liebe gegründet. „Muslime begrüßen sich mit „Salam“, das bedeutet `Friede`, erklärt Sheik Attar. Die Islamische Revolution in Iran im Jahr 1979 sei nicht durch Gewalt, sondern durch friedliche Demonstrationen entstanden. „Obwohl die Soldaten des Schah, der ein Verbündeter des Westens war, mit westlichen Waffen auf das Volk schossen, hat das Volk sie mit Blumen beworfen“, blendet Attar zurück. Aber der Islam habe auch klare Vorstellungen davon, wie der Friede zu bewahren sei: „Die islamische Lehre erlaubt es nicht, mit jemandem Freundschaft zu schließen, der die Liebe unter den Menschen durch Unterdrückung und Machtgier trübt und nicht bereit ist, sich von diesem falschen Weg loszusagen“. Die Islamische Republik Iran halte die israelische Regierung für ein Regime, das das palästinensische Volk unterdrückt, Palästina ohne Grund besetzt hält und den Palästinensern ihr Recht zu existieren Existenzrecht rauben will. „Nach islamischem Glauben ist eine Regierung auf der Grundlage von Unterdrückung dem Untergang geweiht, der Untergang wird ihr nicht von außen aufgezwungen“, nennt Attar die Apartheid in Südafrika und den Kommunismus in der Sowjetunion als Beispiel. „So sind die Äußerungen des iranischen Staatspräsidenten gemeint. Er meinte keinesfalls, Iran werde sich in diesen natürlichen Prozess einmischen. Doch leider wurden seine Äußerungen nicht ohne böse Absicht interpretiert und der Eindruck erweckt, Iran würde, falls es dazu in der Lage wäre, praktische Maßnahmen ergreifen, um Israel auszulöschen“.

Das Atomprogramm Irans bezeichnet Ali Reza Sheik Attar als ausschließlich friedlich. Das negative Bild, das westliche Länder vom iranischen Atomprogramm haben, sei ein Trugschluss. „Zunächst wird ohne jede logische Begründung die Behauptung aufgestellt, die Islamische Republik Iran wolle Atomwaffen bauen. Die falsche Behauptung wird so lange wiederholt, bis alle Welt sie als Fakt nimmt und glaubt, Iran verurteilen zu müssen. Als freiheitsliebende Menschen widersetzen sich die Iraner dem“, lässt Attar wissen.

Die Geschichte des friedlichen iranischen Atomprogramms gehe bis in die Zeit vor der Revolution zurück. Die Bundesrepublik Deutschland war der erste Partner Irans, der sich an Bau und Inbetriebnahme des Atomreaktors in Bushehr beteiligte. „Als in Iran ein diktatorisches, hegemonistisches Regime herrschte, hatte der Westen und auch Deutschland nichts gegen das Atomprogramm - obwohl Iran damals nicht in demselben Ausmaß wie heute mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zusammengearbeitet hat“, blendet der ehemalige stellvertretende Außenminister Sheik Attar zurück. Steigender Energiebedarf aufgrund des Bevölkerungswachstums und das Gebot des Umweltschutzes, fossile Brennstoffe zu ersetzen, ließen den Iran an der friedlichen Atomenergie festhalten.

„Die friedliche Nutzung der Atomenergie steht keinesfalls im Widerspruch zu den bestehenden internationalen Gesetzen und ist laut Atomwaffensperrvertrag das unveräußerliche Recht aller Länder“, stellt der iranische Botschafter klar. Iran halte sich in jeder Hinsicht an den Atomwaffensperrvertrag. So wurde in allen Berichten der IAEA immer wieder (bisher 21 Mal) betont, dass es keine Beweise dafür gebe, dass Iran danach strebe, das Atomprogramm militärisch zu nutzen. Sheik Attar wörtlich: „Die Islamische Republik Iran hat zweieinhalb Jahre lang, nur um guten Willen zu demonstrieren, freiwillig das Zusatzprotokoll umgesetzt“. Und das, obwohl mehr als 100 Länder der Welt das Zusatzprotokoll immer noch nicht haben in Kraft treten lassen und die IAEA nur in 40 Ländern bestätigt habe, dass diese keine ungemeldeten Atomprogramme haben.

Die Islamische Republik Iran habe ihre konstruktive Zusammenarbeit mit der IAEA weiterhin fortgesetzt und die neue Anlage „Fordo“ bereits eineinhalb Jahre, bevor sie dazu verpflichtet gewesen wäre, der IAEA gemeldet. „Und mein Land ging noch weiter: als vertrauensbildende Maßnahme und als Zeichen des guten Willens hat Iran vorgeschlagen, sein 3,5-prozentig angereichertes Uran gegen 20-prozentig angereichertes Uran zur Nutzung im Teheraner Forschungsreaktor einzutauschen“, so der Botschafter. Wofür? „Wie in allen hochentwickelten Ländern der Welt arbeitet die Medizin im Iran mit nuklearmedizinischer Diagnostik. Wir können uns doch nicht verbieten lassen, auch in der Medizintechnik ein High-Tech-Land zu werden“, schüttelt Sheik Attar den Kopf ob der „starren Haltung des Westens“. Iran habe mit über 70 Millionen Einwohnern in den letzten Jahren zudem 8,5% mehr Strom produziert. „Wir verbrauchen bis 2025 Energie von umgerechnet drei bis vier Milliarden Barrel Erdöl haben. Sollen wir das ausschließlich auf umweltschädliche Kraftwerke, die fossile Brennstoffe nutzen, stützen?“, fragt der Botschafter. Nein, sagt das Parlament der Islamischen Republik Iran, und hat beschlossen, 20000 Megawatt Atomstrom zu produzieren. „Ich weiß nicht, was daran schlimm sein soll“, so Sheik Attar.

„In 200 Jahren iranischer Geschichte gingen von Iran nie Angriffe aus. In keinem anderen Land der Region leben religiöse und ethnische Minderheiten wie im Iran in Ruhe und Frieden nebeneinander“, betont der Politiker. Ganz im Gegenteil: Iran sich bemüht, Frieden in der Region zu schaffen, zum Beispiel zwischen Aserbaidschan und Armenien sowie auch in Afghanistan und im Irak.

Sheik Attar macht ganz klar: „Die Islamische Republik Iran hat nie danach gestrebt, Atomwaffen zu besitzen. Das Atomprogramm der Islamischen Republik Iran ist vollkommen friedlicher Natur. Nach des Iran ist die militärische Nutzung der Atomkraft zur Festigung politischer Systeme heutzutage überholt“. Iran sei sich sicher, sich für die Sicherung seines Erhalts nur auf seinen geistigen und kulturellen Einfluss in der Region stützen zu können. Auf der anderen Seite drohe Israel Iran immer wieder mit einem militärischen Angriff. Sheik Attar: „Israel hat den Atomwaffensperrvertrag noch nicht unterzeichnet, wurde technologisch von manchen westlichen Ländern unterstützt und gelangte so in den Besitz von Atomwaffen. Leider hat auch Deutschland Israel mit U-Booten versorgt, die Atomwaffen transportieren können“.

(Interview mit Ali Reza Sheik Attar, Botschafter der Islamischen Republik Iran in Deutschland, Januar 2010)


07.03.2010: |