Institutionelle Akkreditierung: eine hohe Hürde

In Deutschland müssen sich derzeit alle Hochschulen, die nicht in staatlicher Trägerschaft betrieben werden, vom Kölner Wissenschaftsrat (WR) institutionell akkreditieren lassen - die bisherigen und weiterhin notwendigen Studiengangs-Akkreditierungen sind davon nicht berührt. Eine Durchsicht der Stellungnahmen des Wissenschaftsrats zu seinen eigenen Akkreditierungsverfahren zeigt, welche Hürden dort erkennbar werden. Und immer öfter lässt man bereits agierende Hochschulen im Akkreditierungsverfahren scheitern.

Ob BC / Baltic College (Güstrow), IBS / International Business School (Berlin), FHSH / Fachhochschule Schwäbisch-Hall (Baden-Württemberg) oder jüngst im November 2009 die UMC / University of Management and Communication (FH, Potsdam): die Betreiber dieser Hochschulvorhaben mussten erkennen, dass der Wissenschaftsrat keine Akkreditierung ausspricht, wenn irgendwo etwas gegen seine Grundsätze verstößt, die er von rechtlich gesicherten Vorgaben ableitet.

Betrachtet man die sämtlich online abrufbaren Akkreditierungsberichte des WR unter http://www.wissenschaftsrat.de , dann fallen diese Kriterien auf, die zur Verweigerung der institutionellen Akkreditierung führen:

  • zu viel Durchgriff der Trägergesellschaft
  • zu geringes wissenschaftliches Niveau der Forschenden und Lehrenden
  • zu starke Abhängigkeit von den inhaltlichen Vorgaben der Träger
  • zu wenig Raum für die akademische Selbstverwaltung durch die hochschulischen Gremien
  • zu geringe Bedeutung von hochschulischen Prozessen, ablesbar z. B. an fehlenden Berufungsverfahren für die Professuren
  • zu viele Abweichungen vom Grundkonzept und vom Business Plan
  • zu viel Defizite und Probleme in den Bereichen Personal, Ausstattung und Finanzierung
  • zu viele Ad-hoc-Entscheidungen, zu wenig planvolles Vorgehen
  • zu viele Verstöße gegen die jeweiligen Hochschulsatzungen und das Hochschulrecht

Damit hat der WR die wunden Punkte aufgedeckt. Wie konnten sie entstehen? Immer mehr kommen vorwiegend unternehmerisch motivierte Hochschulvorhaben bei den zuständigen Landesministerien zur befristeten Erstgenehmigung. Die Trägergesellschaften vergessen dabei mitunter zu schnell, dass in Deutschland eine akademische Tradition besteht, die mit der Gesetzgebung des Bundes und der Länder im Einklang ist, wenn sie konsequent die Freiheit von Lehre und Forschung verlangt und infolgedessen eigenständiges, unabhängiges Handeln.

Für Unternehmertypen als Gründer von privaten Hochschulen ist all das nur ein Klotz am Bein, denn sie möchten - wie ansonsten in der Wirtschaft üblich - ihren Durchgriff haben und mit den hochschulischen Einrichtungen ihr Geld verdienen. Obendrein ist das deutsche Hochschulsystem für sie selbst oftmals nicht verständlich. Diese Unternehmer sind meist keine Promovierten und keine Professoren - sie sind daher mit dem seit Jahrzehnten bestehenden System der staatlichen Aufsicht über die Hochschulen, mit den hochschulischen Spielregeln und den Akkreditierungsvoraussetzungen nicht genügend vertraut.

Internationales Gefälle

In Deutschland gibt es manches, das anders ist als in anderen Ländern Europas. Man denke an die klare Struktur z. B. der Handwerkerschaft: da gibt es Meister, Gesellen und Lehrlinge / Auszubildende. Keine Fensterreparatur, keine neue Dachantenne ist hier ohne Meisterbetrieb denkbar. In Deutschland sind das gewohnte Qualitätskriterien.

In EU-Nachbarländern gibt es diese Kultur der Qualität des Handwerks oft nicht. Auch hochschulische Bildung wird in anderen Ländern nicht so hochstehend gehandhabt wie in Deutschland:

  • An vielen englischen "Universities" ist der Anteil hauptamtlicher und wissenschaftlich geprüfter, promovierter Dozenten bei weitem nicht so hoch wie in Deutschland, wo er zwischen 60 und 100 Prozent beträgt. Solche Einrichtungen arbeiten in England oft wie sonstige kommerzielle Unternehmen und regelrecht verschult - es gibt dort detaillierte Lehrpläne und der Einsatz von Lehrbüchern ist Standard, nicht aber die Verwendung von Primärliteratur, wie er in Deutschland gefordert wird.
  • In den Niederlanden werden die "Hogescholen" üblicherweise von Nichtakademikern, Nichtprofessoren, Nichtdozenten, von mehr oder weniger gebildeten Kaufleuten geleitet. Diese zahlen sich mitunter mehr Gehalt und Tantiemen aus als der Ministerpräsident ihres Landes, verfügen über ebenfalls akademisch nicht hinreichend gebildete Dozenten und dekorieren ihre Bildungshäuser, die nicht einmal international gleichwertige Bachelor- und Masterabschlüsse ("of Arts", "of Science") vergeben dürfen, mit dem Begriff "University", der eigentlich das Vorhandensein von Professoren und wissenschaftlicher Forschung erwarten lässt. Promovierte finden sich im Lehrkörper solcher Einrichtungen, die den deutschen Fachhochschulen gleichgestellt behandelt werden wollen, allerdings nur im einstelligen Prozentbereich.

Das Dilemma wird deutlich: Bologna hat die internationale Vergleichbarkeit und Durchlässigkeit ausgerufen, die Länder Europas haben aber de facto noch immer unvergleichbare Systeme der höheren Bildung und ungleiches Niveau.

Auch am Beispiel von Hochschulgründungen in Deutschland, die aus benachbarten Ländern betrieben wurden, lässt sich ablesen, wie wenig die Vorstellungen und Handlungsweisen mancher Gründer zum deutschen Hochschulsystem passen:

  • die aus den Niederlanden zur staatlichen Genehmigung gebrachte Stenden University Berlin (SUB) verlor bereits vor dem Studienstart die staatliche Genehmigung;
  • die ursprünglich aus einer türkischen Initiative begonnene OTA-Hochschule in Berlin konnte nur nach einer Übernahme durch die SRH-Gruppe weiterleben und inzwischen die institutionelle Akkreditierung erlangen.

Der Wissenschaftsrat orientiert sich bei seinen Akkreditierungsverfahren allein an den deutschen Maßstäben. Er tut das offensichtlich auch in der guten Absicht, verhindern zu wollen, dass die Hochschulqualität hierzulande auf europäisch-benachbarte, erkennbar niedrigere Niveaus absinken könnte.

Die Luft wird dünner

Nach den negativen Bescheiden des WR zu den Akkreditierungsanträgen von BC, IBS, FHSH und UMC wird klar, dass viele hochschulische Neugründungen eine schwere Zeit vor sich haben. Insbesondere werden Hochschulen, die nicht von erfahrenen promovierten Professoren geleitet werden, wo der Durchgriff der Gesellschafter dominiert und Gremien nur als Feigenblatt dienen sollen, keine Überlebenschance haben.

Der Wissenschaftsrat wird sicherlich auch in den kommenden Jahren auf diesem Kurs bleiben. Wer eine Nivellierung hinunter auf die geringeren Niveaus vieler Nachbarländer anstrebt und das als Beitrag zur Internationalisierung der Hochschullandschaft betrachtet, wird darüber unzufrieden sein; für die Qualität der Hochschullandschaft in Deutschland hingegen dürfte sich auf Dauer die Vorgehensweise des WR als eine notwendige Hilfe zur Stabilisierung erweisen.