Lemeh42 - Alice and the Possible Cities - Directors Lounge Screening

Directors Lounge Screenings in der Z-Bar in Berlin

Alice and the Possible Cities
konzeptuelle Filmerzählungen
von Lemeh42

Donnerstag, 20. August 2009
21 Uhr
Z-Bar
Bergstraße 2
10115 Berlin-Mitte
Eintritt: 5 bzw. 4 Euro

Artist Link: http://lemeh42.indivia.net/

Lemeh42 Flyer

Lemeh42, ein Künstlerpaar aus Senigallia, Italien, zeigen ihre Videoarbeiten in den Directors Lounge Screenings in der Z-Bar, Berlin. Die zumeist sehr kurzen Filme sind bezaubernd, gewitzt und sehr unterschiedlich. Von Alice im Wunderland bis zu „Study on Human Form and Humanity #1“ (Studie zur menschlichen Form und Menschlichkeit), die Bandbreite der berührten Genres aus der Film- und Videogeschichte ist erstaunlich breit. Solche mannigfachen Formen wie Animation aus Fotos oder mit Zeichnung, Tanzfilm, Abstraktion, Studioaufnahme und dokumentarische Bilder finden sich in Lemeh42’s Arbeiten. Was die Produkte der beiden Zusammenarbeit dabei so erfreulich frisch erscheinen läßt, ist die Spannung zwischen klarem, konzeptuellem Denken auf der einen Seite und märchenhaftem Romantismus andererseits. „Unsere Kindheit bildet die Grundlage von Jahren in unserem Leben, wo alles schon angelegt ist, und nun benutzen wir all das Material um unsere Geschichten zu erzählen.“ Die Arbeiten scheinen zwischen den beiden Konzepten zu pendeln, welche, wie Michele zugibt, auch ihrer beiden Charakterzügen entspricht, Michele als der rational-konzeptuelle Typus und Lorenza die Romantisch-Melancholische. Dennoch, die beiden Konzepte vermengen sich in jedem Film, wie auch ihre Zusammenarbeit unterschiedliche Ergebnisse zeitigt, manchmal in überraschender Weise, so dass sich alle Videos sowohl durch eine traumhafte Atmosphäre wie auch durch eine strenge Struktur auszeichnen, plus, zusätzlich eine feine Portion gewürzten Humors oder Ironie.

Ein weiteres Element, das die Arbeitsweisen verbindet, ist die Kooperation mit dem Musiker Marco Scattolini (www.myspace.com/marcoscattolini), dessen Musik für die Filme zumeist auf einer Klavierkomposition basiert mit zusätzlichen Elementen elektronischer oder klassischer Instrumente. „Was wir normalerweise machen, ist ihm [Scattolini] eine Videoarbeit zu geben, ohne ihm zu sagen, welche Art der Musik, oder welche Empfindung er ausdrücken soll. Und wunderbarerweise hat er noch jedes Mal den Ausdruck getroffen, den wir mit unseren Bildern erreichen wollten, und so entstand jeweils ein einmaliges Kunstwerk.“

Wenn in „Cerca de mi“, eine durch Cartel Gallery (Granada, Spain) beauftragte Arbeit, das Päarchen sich durch den gemalten Raum der Bilder bewegt, einige davon sind international bekannt, oder wenn in „Alice in Wonderland“, eine Arbeit die auf Lewis Carolls gleichnamigen Roman basiert, aber ebenso auf der Erfahrung von Schokoladen-Pralinen im realen Leben, dann beziehen sich die Pianomusik und auch das Treatment der Videos auf die Stummfilme und die Wunder des frühen Kinos. Dagegen beinhaltet schon das Konzept des Split-Screens von Alice in Wonderland, das dem Betrachter unterschiedliche Körper-Raum-Wahrnehmungen desselben photographischen Bildes gewährt, schon eine zeitgenössische Form-Idee.

„Unser Werdegang ist hauptsächlich von Literaturerfahrungen geprägt,“ und „als wir auf der Universität waren und uns kennen lernten, schauten wir uns tonnenweise klassische Filme an.“ An dieser Stelle sollte vielleicht angemerkt werden, dass keine der kurzen Filme, selbst wenn sie auf einem Theaterstück basieren, wie “Et dukkehjem” – das Puppenheim von Ibsen, keine gesprochenen Worte oder Dialoge enthalten. Stattdessen werden Wörter, oder im besonderen Beispiel „Cuore de Legeno“ Buchstaben, von Charakteren in Zeichnungen emittiert – und die Realität erscheint überhöht. Der so hervorgebrachte Surrealismus ist lieblich and hat etwas Zärtliches. Er hat weniger zu tun mit André Breton oder mit Filmen wie „Le Chien Andalou“* (obwohl auch dieser liebliche Szenen enthält), als dass er vielleicht mit dem Surrealismus einer Amélie** zu tun hat. Dennoch will das Künstlerpaar mit seinen Filmen Aussagen über die Wirklichkeit machen. So sagen sie: „Wir haben unseren eigenen Standpunkt zur Realität reifen lassen – und zu ihren Einwohnern.“

Es erscheint manchmal in Lemeh42’s Filmen, dass es noch andere Bewohner geben könnte, von anderen Realitäten, ohne dass diese völlig beziehungslos zu dieser „Realität“ wären. So wie bei „Possible Cities“, eine Serie sehr kurzer Animationen über Städte, die vielleicht von ganz anderen Wesen bewohnt sind. Die Zeichnungen, wie sie in vielen Filmen von Lemeh42 auftreten, werden hier noch enigmatischer, als diese nichts von dem beschreiben oder bebildern, was ein ethnografischer Weltreisender aufzeichnen könnte – wie es das Vorhaben Italo Calvinos mit seinem Roman „Invisible Cities“ ist, wo Marco Polo dem Herrscher Khublai Khan von fernen Städten erzählt. Stattdessen zeigen diese Bilder mögliche Realitäten, wie sie von keinem Reisenden gesehen werden könnten. Aber, wenn wir den Titel der Serie für ernst nehmen, müssen wir diese Bilder als Konzepte lesen, die vielleicht zurück gehen auf mittelalterliche oder archaische Ideen, oder auf neue Prototypen, die allerdings den Typus des homo ludens electronicus verändern würden. Die Serie „Possible Cities“ ist noch nicht fertig gestellt, sie wird ihre Premiere bei der Art Verona in einer speziellen Veranstaltung haben, die von der Ariete Contemporary Art organisiert wird. Umso glücklicher schätzen wir uns, jetzt schon einen Teil der Arbeit als Preview in Berlin präsentieren zu können.
(Klaus W. Eisenlohr)

Michele Santini/ Lemeh42 wird in der Z-Bar anwesend sein, und über die gemeinsame Arbeit mit Lorenza Paolini berichten, als auch gerne weitere Fragen beantworten.

Links:
www.directorslounge.net
www.richfilm.de
www.z-bar.de

*Un Chien Andalou (FR 1929) Luis Buñuel und Salvador Dali
** Le Fabuleux destin d'Amélie Poulain (FR 2001) von Jean-Pierre Jeunet
***Invisible Cities (IT 1972), Erzählung von Italo Calvino



Über richfilm

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Eisenlohr

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Branche
Künstler, Kurator für Directors Lounge, Dozent für Fotografie an der vhs Kreuzberg-Friedrichshain, Dozent für Lexia International