Behinderte Heimopfer vom "Runden Tisch Heimkinder" ausgesperrt
Verfasst von Helmut Jacob am Mi, 2009-05-13 14:49.„Öffnete man in den 1950er und 1960er Jahren die Tür zum Johanna–Helenen-Heim, so sah man in einen Abgrund der Willkür, der Zerstörung, der Gewalt, der Angst und der Einsamkeit. Man blickte in das „Herz der Finsternis“.
Mit diesem Satz beendeten die Historiker Dr. Ulrike Winkler und Prof. Hans Walter Schmuhl ihren Zwischenbericht über die Situation der Heimkinder vor 40 bis 60 Jahren in den damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein. Zuvor schilderten sie Gewalttaten, die auch zur damaligen Zeit teilweise justiziabel waren. Sie ermittelten Schläge mit der Hand, mit der Faust und dem Stock, sowie Fußtritte gegen Kinder. Viele wurden zwangsgefüttert, ihnen selbst blutig Erbrochenes noch einmal auf dem Rücken liegend gewaltsam eingetrichtert. Weitere Formen der Gewalt waren das stundenlange Einsperren in dunklen Zimmern, sexuelle Übergriffe im Rahmen der Badetage, stundenlange Strafestehen auch schwer behinderter Kinder, solange, bis sie in der Klassenecke zusammenbrachen. Selbst danach wurden sie mit schweren Stockhieben wieder auf die Beine geprügelt.
Die Freie Arbeitsgruppe JHH 2006 hat ein halbes Jahr zuvor ähnliche Greueltaten und Verbrechen ermittelt und auf ihrer Homepage www.gewalt-im-jhh.de dokumentiert.
„Diese Schreckenszeit soll vor dem „Runden Tisch Heimkinder“ in Berlin keine Rolle spielen“, so Gruppensprecher Jacob entsetzt, „man sperrt die hilflosesten der Gesellschaft, behinderte Kleinkinder und Schulkinder, die im Alter ihr Recht einfordern, vom Runden Tisch aus:“
Anlass für diese Unverständnis ist ein Brief des Runden Tisches. „Mit der Problematik der Behindertenhilfe sprechen Sie ein wichtiges und sensibles Thema an. Der Deutsche Bundestag hat den Runden Tisch „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ mit der Aufarbeitung der Jugendhilfepraxis ... beauftragt. Daher wird sich der Runde Tisch ausschließlich mit der damaligen Heimerziehung … befassen können.“
„Wir wunderten uns sehr, dass Petitionsausschuss und Runder Tisch auf unsere zahlreichen Eingaben seit einem Jahr mit keinem Wort reagiert haben“, so Jacob „aber nun ist die Katze aus dem Sack. Was wir längst befürchteten, haben wir jetzt schwarz auf weiß.“
Auch die nachgeschobene Bemerkung: “Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Ergebnisse des Runden Tisches keine Signalwirkung auf angrenzende Bereiche, wie etwa die Behindertenhilfe, entfalten könnten,“ kann die Arbeitsgruppe nicht beruhigen. “Dies ist eine Expander–Formulierung, die je nach Tagespolitik ausgelegt werden kann“, so Pressesprecher Klaus Dickneite.
Seit langem haben die behinderten Heimopfer einen engagierten Vertreter, der sich intensiv für ihre Rechte einsetzt, Diplom-Psychologe und Diplom-Theologe Dierk Schäfer, ehemals Evangelische Akademie Bad Boll. Vor kurzem wurde er mit dem Kinderrechtspreis des „Verbandes Anwalt des Kindes“ ausgezeichnet. “Er wurde mit gleichem Schreiben auch abserviert“, so Gruppensprecher Jacob, “offensichtlich ist er für die Rechtsnachfolger der Einrichtungen, die damals so viel Unheil angerichtet haben, zu unbequem“. Schäfer fordert bereits seit weit über einem Jahr einen Opferentschädigungsfond. Ebenso mahnt er die Glaubwürdigkeit seiner Evangelischen Kirche an. Der Runde Tisch: “Auf Ihre Forderung, Herrn Schäfer dauerhaft an den Runden Tisch einzuberufen, möchte ich Ihnen mitteilen, dass die personelle Besetzung des Runden Tisches abgeschlossen ist. Die ehemaligen Heimkinder werden am Runden Tisch durch drei Betroffene vertreten. Um Kontinuität in der Zusammenarbeit zu gewährleisten, ist eine Veränderung dieser Zusammensetzung nicht geplant.“ Verschwiegen wird allerdings, dass den drei Betroffenen wenigstens vier Juristen gegenübersitzen. Dickneite: „Man muss nicht lange darüber nachdenken, welche Aufgabe diese Herren haben. Schadensbegrenzung.“
Erwarten können die ehemaligen behinderten Heimkinder auch nichts vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche Deutschland. Nach dem Vortrag der Historiker hat die Arbeitsgruppe Diakoniepräsident Kottnik aufgefordert, sich öffentlich für das totale Versagen der Vorgängerinstitution Innere Mission zu entschuldigen. Kottnik dazu in seinem Antwortschreiben: “Grundsätzliche Stellungnahmen, insbesondere solche zu konkreten Vorgängen in einzelnen Einrichtungen der Diakonie, kann das Diakonische Werk der EKD daher nicht abgeben.“ Kottnik betont zwar, dass “die Ergebnisse der Forschungen zur Geschichte des Johanna-Helenen-Heims wesentlich in unser Gesamtbild der damaligen Heimerziehung eingehen werden“, aber, so Marianne B., noch heute unter den Folgen schwerster Mißhandlungen leidend: „Dafür können wir uns auch nichts kaufen.“ Schließlich teilt sie ihre Angst mit vielen ehemaligen Schulkameraden: Die Angst vor dem Alter und neuen Gewalttätigkeiten, diesmal im Altenheim. Für sie ist es unvorstellbar, jemals wieder in ein Heim kommen zu müssen.
Die Freie Arbeitsgruppe JHH 2006 sieht ihre letzte Hoffnung in der Einrichtung eines Runden Tisches Heimkinder in Nordrhein-Westfalen. Zu diesem Zweck hat sie Landtagspräsidentin Regina van Dinther angeschrieben. „Ziel dieses Tisches muß es sein, Behindertenassistenz bis zum Lebensende abzusichern, damit die Opfer von damals ohne Angst ihren Lebensabend verbringen können.“ Pressesprecher Dickneite fügt hinzu: „Außerdem ist es ein unhaltbarer Zustand, dass die Opferrente mit anderen Sozialleistungen verrechnet werden. Viele wurden durch die Gewalt erst zu Sozialhilfeempfängern gemacht.“















