Offener Brief an Dr. Antje Vollmer: Betr. Kinderheime

Sehr geehrte Frau Dr. Vollmer,

der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages hat gestern nach über zweijähriger Beschäftigung mit dem Thema die Bildung eines Runden Tisches beschlossen, Sie sind die Schirmherrin und haben für die künftige Arbeit vier Schritte genannt. Der erste sei, den ehemaligen Heimkindern genau zuzuhören.

Das mache ich als Redakteur seit über einem Jahr. Damals flatterte mir ein Strafantrag der Aachener Staatsanwaltschaft gegen elf ehemalige Heimkinder auf den Schreibtisch. Bezichtigt wurden sie des versuchten Betruges. Dahinter steckte ein katholischer Orden, der bis heute nicht einmal zu einer Entschuldigung bei ehemaligen Heimkindern bereit ist. Mit diesem Strafantrag erlitt die Staatsanwaltschaft eine Bauchlandung.

Die dritte große Strafkammer des Landgerichtes Aachen unter Vorsitz von Richter Wilke prüfte jeden Einzelfall und kam zu dem Ergebnis, dass manche Schilderungen ehemaliger Heimkinder übertrieben sein mögen, aber es sei so viel Zeit vergangen, dass eine stichhaltige Überprüfung nicht mehr möglich sei. Vom Vorwurf des versuchten Betruges wurden die elf Heimkinder befreit. Die Kosten des Verfahrens trug der Steuerzahler.

Als ich mich mit diesem Fall beschäftigte, machte ich zum ersten Mal die Erfahrung, dass meine Fragen wohl in irgendeinem Papierkorb verschwanden. Das sollte so bleiben. Ende 2007 bekam ich eine 31-seitige Petition an das Europäische Parlament. Dabei ging es um ein Mädchen, das seit über vier Jahren in einem Kinderheim lebt. Die Eltern aus Mönchengladbach sind seither verzweifelt bemüht, ihr Kind wieder zu bekommen.

Der Oberbürgermeister von Mönchengladbach verweigerte ein Gespräch, die Einrichtung, in der dieses Mädchen lebt, schickte mich von Pontius zu Pilatus, die CSU-Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär versprach zwar Hilfe, aber dann reagierte sie nicht mehr. Bundesfamilienministerin Dr. Ursula von der Leyen zollte mir in einem persönlichen Brief Respekt, als ich ihr weitere Informationen zukommen lassen wollte, bekam ich meine Post ungelesen zurück. Als ich deswegen nachhakte, wurde eine Mauer des Schweigens errichtet.

Diese Eltern aus Mönchengladbach haben inzwischen vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf obsiegt, das ist fast schon wieder ein halbes Jahr her. Das Mädchen ist immer noch in diesem Heim…

Anfang des Monats war ich für ein paar Tage in Holzen bei Holzminden. Dort gab es von 1955 bis 1972 ein Kinderheim, in dem so entsetzliche Dinge geschehen sein müssen, dass sie kaum noch zu fassen sind. Ich gewann das Vertrauen ehemaliger Heimkinder, ein Kollegen zog mit mir an einem Strang. Dieser Satz eines ehemaligen Heimkindes war typisch: „Ich will kein Geld von der Kirche. Was die mir angetan haben, können die nie wieder gut machen.“

Es war an einem Sonntag in diesem Oktober, als mich ein ehemaliges Heimkind anrief. Dieser Anrufer ist inzwischen 68 Jahre alt. Doch er leidet immer noch unter Schlafstörungen. Wenn er die Augen zumacht, hat er mir berichtet, sieht er immer noch die Erzieherin vor sich, die ihn damals gequält hat.

Dazwischen gibt es Sonntagsreden. In Niedersachsen existiert mittlerweile eine Studie über Kinderheime zur damaligen Zeit. Sofort bin ich auf einen konkreten Fall angesprochen worden. Als ich deshalb an die Landesbischöfin Dr. Käßmann schrieb, geschah, was immer geschehen ist: Es gab keine Antwort.

Geantwortet hat mir dagegen die Caritas. Das Berliner Büro versicherte mir im Juni 2008, dass jede meiner Fragen beantwortet werde. Das muss ich wohl zu wörtlich genommen haben…

Sehr geehrte Frau Dr. Vollmer, da der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages das Thema öffentlich gemacht hat, mache ich auch diesen Brief öffentlich. Vielleicht werfen Sie einmal einen Blick auf meine Seiten http://kinderinheimen.blogspot.com. Dort finden Sie Informationen in Hülle und Fülle. Außerdem gibt es von mir die Broschüre „Böse Kinder kommen in böse Kliniken“, erschienen bei http://stores.lulu.com/hwilmers.

Ich bin übrigens nicht in einem Heim aufgewachsen, sondern in einer großen Familie…



Über Heinz-Peter Tjaden