Prozess vor Landgericht Mönchengladbach: Vor Mord noch beim Jugendamt?

Wieder richten sich die Scheinwerfer auf Mönchengladbach, denn am Montag beginnt vor der Jugendkammer des Landgerichts ein Mordprozess gegen vier Jugendliche, die am 20. März 2008 auf dem Friedhof von Hückelhoven einen 54-Jährigen erstochen haben sollen. Einer der Angeklagten soll zehn Tage vorher noch beim Jugendamt gewesen sein, weil er wieder in ein Heim wollte. Dann riss er aus.

In diesem Jugendamt scheint man sich längst daran gewöhnt zu haben, dass diese Behörde immer wieder im Zusammenhang mit merkwürdigen und schlimmen Vorkommnissen genannt wird. Fragen dazu werden nicht beantwortet. So meldete das Jugendamt von Mönchengladbach im August 2008, dass man im vergangenen Jahr 216 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen habe. Zum Vergleich: In der fast gleich großen Nachbarstadt Krefeld waren es im gleichen Zeitraum 31. Wie dieser Unterschied möglich sei, blieb eine unbeantwortete Frage.

Im April 2008 wehrte sich ein Vater dagegen, dass ihm seine beiden Kinder auf Anordnung des Jugendamtes weggenommen werden sollten. Erst Spezialkräfte der Polizei setzten diese Anordnung durch.

Doch nicht nur Mönchengladbach machte 2008 eine negative Schlagzeile nach der anderen. Tatort Viersen: Osteronntagabend 2008, eine Autobahnbrücke bei Oldenburg, ein sechs Kilogramm schwerer Holzklotz zerschmettert die Windschutzscheibe eines Autos, eine 33-Jährige stirbt, und schon gibt es Nachahmungstäter, die Presse berichtet über ein halbes Dutzend, drei stammen aus Viersen.

Diese Stadt liegt im Norden von Mönchengladbach und hat gut 76 000 Einwohner. In der Gartenstraße kommt es am 4. März 2008 zu einem Familiendrama. Ein 50-Jähriger erschießt seine 36-jährige Frau, die zweijährige Tochter ist bei diesem Mord in der Wohnung.

In Viersen gibt es die katholische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, die 2006 in ihrem Jahresbericht feststellt: Die Zahl der Beratungsgespräche hat in dieser Stadt gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent zugenommen.

Tatort Brüggen: Die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach ermittelt seit dem 15. November 2006 wegen eines 15-Jährigen, der bei einer Explosion auf einem ehemaligen Ziegeleigelände ums Leben gekommen ist. Er gehörte zu vier Ausreißern, von denen drei in einem Kinderheim leben und nach Schulschluss nicht ins Heim zurück gekehrt sind.

Brüggen liegt nordwestlich von Mönchengladbach, hat gut 16 000 Einwohner und gehört zum Kreis Viersen. Laut Jahresbericht 2006 der katholischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche hat in diesem Kreis die Zahl der Beratungsgespräche gegenüber 2005 um 40 Prozent zugenommen, deutlich sei die Zunahme auch in Brüggen.

Und wieder Mönchengladbach: „Was wusste das Jugendamt?“ fragt die „Zeit“ am 5. Februar 2008. Eine 36-Jährige hat ihre beiden Kinder umgebracht, die Behörde ist vor dem Doppelmord in der Wohnung gewesen. Die Stadt ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Mönchengladbach hat 265 000 Einwohner, der Oberbürgermeister heißt seit dem 15. Oktober 2004 Norbert Bude, mit dem der Vater eines Heimkindes und ich am 28. Februar 2008 ein Gespräch führen wollten. Er lehnte schriftlich ab. Thema wäre auch das Jugendamt von Mönchengladbach gewesen.

Wie auch schon vor 2008: Die nordrhein-westfälische Justizministerin Müller-Piepenkötter berichtet am 21. März 2007 über einen Doppelmord, der viele Fragen aufwirft. Nach einem Termin vor dem Amtsgericht in Mönchengladbach-Rheydt bringt am 9. März 2007 ein Mann seine 37-jährige Frau und deren 18-jährige Tochter um. Der Mann kommt unbehelligt ins Gericht, obwohl er per Haftbefehl gesucht wird, unbehelligt verlässt er das Gericht wieder - und das Jugendamt von Mönchengladbach hat sich für sein Sorgerecht stark gemacht.

Ein Mitarbeiter des Mönchengladbacher Jugendamtes steht am 3. August 2005 vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassung. Er bekommt ein mildes Urteil, weil er zu Protokoll gibt, die Behörde, für die er arbeite, habe kein Konzept für die „Vorgehensweise bei Kindeswohlgefährdungen“.

Tatorte Viersen - Brüggen - Mönchengladbach: Was ist in diesem Dreieck los? Der Bürgermeister von Viersen heißt Günter Thönnessen und leitet seit Oktober 2004 die Geschicke der Stadt, die derart unter Finanznot leidet, dass sie die Jugendeinrichtung „Insel“ nicht mehr bezahlen kann. Mit der Zukunft dieses Treffpunktes beschäftigt sich der Jugendhilfeausschuss am 14. April 2008. Gefunden wird schließlich ein privater Träger, der auch das Kinderheim betreibt, aus dem drei der vier Ausreißer von Brüggen stammen.

Ob die Ermittlungen zu diesem Explosionsunglück inzwischen abgeschlossen sind, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Die Polizei hat zwar eine entsprechende Anfrage an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, aber die hüllt sich: in Schweigen….

Ein Beitrag für http://kinderinheimen.blogspot.com und www.onlinezeitung24.de



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