Warum funktioniert die Verteilung von Hilfsgütern in Afghanistan nicht? Ein Erfahrungsbericht aus Sicht einer Hilfsorganisation

Warum funktioniert die Verteilung von Hilfsgütern in Afghanistan nicht? Ein Erfahrungsbericht aus Sicht der Hilfsorganisation CHILDWATCH FOUNDATION

Ostersonntag, 23.03.2008, Johanna Stengel, Gründerin der Childwatch Foundation ist aus Kabul / Afghanistan zurück. Die 31-jährige PR-Beraterin aus Hannover ging mit der Mission ins kriegs- und krisengeschüttelte Afghanistan, um Kleidung an die Kinder in den Dörfern rund um Kabul zu verteilen.

Ankunft in Kabul. Die ISAF (International Security Assistance Force) bringt mich in das Hauptquartier der NATO (North Atlantic Treaty Organization). Erwartungsvoll erwarte ich die Ankunft der Hilfsgüter aus Deutschland. Am nächsten Morgen geht es zum Internationalen Flughafen „KAIA“, um die 15 Paletten mit Kinderkleidung in Empfang zu nehmen. Nach etwa einer Stunde durchfragen, erfahre ich wo die Paletten mit der Kinderkleidung und Spielzeug stehen. Es kommt sofort ein Wächter und fragt skeptisch meinen Dolmetscher, wer ich bin und was ich hier suche. Noch sehe ich keine großen Probleme auf mich zukommen. Mir wird berichtet, dass nicht alles aus Dubai mitgekommen ist. Ich sehe die Situation gelassen und denke, kein Problem, dann komme ich morgen und hole alles zusammen ab. Auf einen Tag kommt es ja nicht an. Schließlich habe ich weitere zehn Tage vor mir liegen.
Bevor ich meinen letzten Gedanken abschließe, erklärt mir der afghanische Zollbeamte, dass dies leider nicht so einfach ist die Dinge mitzunehmen.
Gespannt frage ich, warum nicht? Es sei doch meine Ware und außerdem sei es gebrauchte Kinderkleidung für afghanische Kinder!
Sahrif, mein Dolmetscher, versucht mir die Situation zu erläutern. Ich versteh nichts mehr und beginne mit meiner deutschen Mentalität auf Englisch zu schimpfen und versuche dem sturen Zollbeamten zu erklären, was sich in den 200 Umzugskartons befindet, und es für sein eigenes Land sein.

Sharif, versucht mich zu beruhigen- ich werde immer aufgebrachter- es ist heiß und ich bin noch von der Reise etwas geschlaucht. Auf einmal sagt der Beamte zu mir, wenn ich 500 US$ im Büro zahle, dann könnte ich die Kleidung in zwei Tagen mitnehmen. Ich denke in dem Moment- was soll ich machen? Den Zoll bestechen?
Ja, genau, dies wird verlangt. Als Hilfsorganisation Korruption unterstützen? Ich frage- ob dies wirklich von mir verlangt wird! Mir wird bewusst, Kinder und Frauen spielen keine Rolle in Afghanistan.

Ich sage zu Sharif, lass uns gehen. Meine Enttäuschung steht mir auf der Stirn! Wir fahren die berühmet „White“ Strasse, die zu der gefährlichsten Strasse in Kabul zählt, auf der in regelmäßigen Abständen, Anschläge verübt werden, ins Hauptquartier zurück. Die Schlaglöcher sind nicht zu übersehen. In der Zeit, in der ich in Kabul war, gab es seit Januar 2008 den ersten Anschlag auf Amerikaner. Acht Tote und achtzehn Verletzte!

Im Hauptquartier berichte ich, was mir widerfahren ist. Man versucht mich zu beruhigen und sucht nach Lösungen. Wir gehen über das Ministerium für Bildung, um eine Genehmigung zu erhalten, die Güter ohne Zollgebühr zu bekommen. Der Minister gibt uns die Zusage, das Problem zu lösen- gegen ein Filofax. Korrupt?
Am nächsten Tag gehe ich mit Relation Manager der NATO (North Atlantic Treaty Organization), zum Ministerium, um den Brief für den Zoll entgegen zu nehmen. Innerhalb von fünf Minuten wird mir klar, dass es nicht funktionieren wird- jetzt heißt es wir müssen in dies und jenes Ministerium gehen und Formulare ausfüllen.
Es kann sich auf die nächsten Tage auch vielleicht Wochen hinauszögern. Sieben Tage habe ich noch vor mir! Nie wieder, schimpfe ich, werde ich in Afghanistan weiter Hilfsgüter transportieren lassen. Was können die armen Kinder für die Korruption des Landes- schießt mir ein Gedanke durch den Kopf- für die bin ich doch gekommen: Devise- nicht aufgeben. Es vergehen Tage der Untätigkeit, die Hoffnung schwindet, dass ich die Kisten vor meiner Abreise nach Deutschland erhalte.

Mein Kopf ist voller Gedanken- wie komme ich an die Kleider! Bleibe ich länger in Kabul?
Am Abend sitze ich mit ein paar Soldaten zusammen und wir überlege gemeinsam, wie man die Dinge aus dem Zoll bekommt.
Der Gedanke von uns Drei- wir: „Wir stürmen den Flughafen“ - 20 Soldaten und ich. Ein Traum!
Am nächsten Tag gehen wir zu dem afghanischen General und bitten um seine Hilfe.
Zwei Tage später stehen wir mit schwerem Geschütz und dem afghanischem General am Flughafen- eine Truppe geht vorab zum Zoll und versucht zu verhandeln! Ich warte an der Flughafenstrasse auf die Unterstützung von 20 Soldaten. Es ist soweit, um 12h Mittags sind wir vollzählig. Durch den Funk, erfahre ich – Wagen Nummer eins kommt zu uns gefahren: Ich bin gespannt. Wir alle stehen erwartungsvoll zusammen und warten auf die Ankunft….

Dann, die ernüchternde Nachricht:…….
1.000 US$ Gebühr. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Es ist doch für die afghanischen Kinder und sonst nichts.
Ich verweigere mich die Korruption zu unterstützen. Macht es eine Hilfsorganisationen wird der Zoll es auch mit den weiteren machen. Ich bleib stur und zahle keinen Cent!
Lieber warten und die Kontakte spielen lassen, die sich vor Ort ergeben haben. Mein Gewissen plagt mich, was soll ich machen? Fahren, bleiben und weitere Zeit verstreichen lassen? Ostern steht vor der Tür- meine Termine in Deutschland kann ich nicht umwerfen- was tun? Ich entscheide mich, trotz meines schlechten Gewissens, meinen Rückflug anzutreten.
Bespreche mit der französischen und deutschen CIMIC (Civil Military Cooperation), die mir bei der Verteilung der Güter hilft, die nächsten Schritte. Sobald der Zoll alles freigibt, wird die CIMIC, (Civil Military Cooperation NATO), alles abholen und im Camp Warehouse (NATO (North Atlantic Treaty Organization) Stützpunkt) aufbewahren, bis ich wieder in Kabul bin.

Wäre ich von Anfang an nicht so stur geblieben und hätte nicht darauf bestanden in Obhutnahme der ISAF (International Security Assistance Force) in Kabul zu kommen, wäre ich als Hilfsorganisation von Anfang an gescheitert.

Warum scheitern so viele Organisationen in Ländern, wo man es mit großer Korruption zu tun hat- die Antwort liegt auf der Hand: Es fehlt am Netzwerk. Ohne dass, geht leider gar nichts. Ist dies nicht vorhanden, wird jeder Hilfsgütertransport in Länder, wo Korruption herrscht zu einer großen Enttäuschung und fährt ohne jegliches Ergebnis in sein Heimatland zurück. Auch mir ergeht es nicht anders, nur mit dem Vorteil, die NATO (North Atlantic Treaty Organization) übernimmt die Verantwortung für die nächsten Schritte und die Distribution der Kinderkleidung.
Am letzten Tag erfahre ich zusätzlich, dass die Hilfsgüter zukünftig in Afghanistan besteuert werden sollen! Damit fällt jegliche Hilfe zukünftig auf Grund der hohen Kosten aus. Afghanistan – ein Land ohne Zukunft und die Korruption geht fröhlich weiter! Arme Kinder- armes Afghanistan!

Im Mai werde ich zurückkehren mit weiteren Hilfsgütern und weiß heute mit wem ich vorab Kontaktaufnehmen werde, um dem Problem der Korruption zu umgehen.

Johanna Stengel hat als Kommunikations- und PR-Beraterin viel Zeit im Ausland verbracht. „Ich habe viel Elend gesehen“, sagt sie. Nach der Tsunami-Katastrophe im Dezember 2004 hat Johanna Stengel gemeinsam mit dem Auktionshaus CHRISTIE’S Hamburg eine Versteigerung für wohltätige Zwecke organisiert und das Geld persönlich nach Thailand gebracht. „Das ist mein Prinzip: Ich will wissen, wo die Spenden landen, damit kein Missbrauch getrieben wird“, sagt sie.
Was sie gesehen hat, hat Johanna Stengel nachhaltig beeindruckt. Deshalb hat sie Ende 2005 die Childwatch Foundation gegründet, um traumatisierten und benachteiligten Kindern helfen zu können.

Pressekontakt:
Schiffgraben 25 30159 Hannover
Tel 0511 95 48 551 Fax 0511 9548 552
www.childwatchfoundation.org


22.03.2008: