Aus alt mach neu - Über die "Reflexionslogische Semiotik" von Nina Ort

Der Ansatz ist eigentlich gut gemeint: Weg von einer unzureichenden zweiwertigen Seinslogik, die bestenfalls in einer Subjekt-Objekt-Dialektik befangen bleibt und die ihrem Subjekt immer nur nachträglich betrachtend hinterherläuft, hin zu einem mehrwertigen reflexionslogischen Erkenntnismodell, mit dem nunmehr lebendige subjektive und intersubjektive Systeme rekonstruiert und reflexionslogisch aufgeschlüsselt werden können. So will die Autorin, Nina Ort, die neue Zeichentheorie (Semiotik) im Anschluss an den Philosophen Gotthard Günther und den Semiotiker Charles S. Peirce zusammenführen und ein neues Erkenntnis- und Logikmodell konstruieren, das als „Reflexionslogische Semiotik“ - so der Titel ihres Buches - erlaube, lebendige Systeme zu beschreiben und Handlungssituationen, auch, aber nicht nur sprachlicher Art, zu analysieren. Diese reflexionslogische Semiotik eigne sich daher insbesondere zur Analyse solcher literarischen Texte, die selbst keine „identifikatorischen“ Erzählstrategien entfalten, sondern als Problematisierung der Mehrwertigkeit von Reflexion aufgefasst werden können. Das Logikmodell Günthers wird dazu mit der dreiwertigen erkenntnistheoretisch begründeten Semiotik bei Peirce zusammengebracht. Damit lasse sich, so Ort, ein reflexionslogisches System herleiten und damit ein formal geschlossenes Modell einer Zeichentheorie formulieren.

Die Ausführungen zu Günther geben an sich schon genug Rätsel auf: Warum nur Dreiwertigkeit, wie ist das Verhältnis von Logik und Erfahrung metalogisch auszumachen, wie verhält sich die nachträglich-theoretische Reflexion zum spontanen Lebensprozess des Bewusstseins, ist dieser als in sich reflexiv zu fassen, gibt es einen strukturellen Abschluss der Reflexion oder nur deren Iteration ad infinitum? Solche Grundfragen (mit denen Günther selbst teilweise noch unausdrücklich rang) werden bei Ort keineswegs adäquat gestellt, geschweige denn aufgelöst. Die versuchten Antworten auf sie werden nicht logisch bzw. rekonstruktiv aus dem Verhältnis von Logik und Erfahrung begründet,. Darüber hinaus bleiben die Erläuterungen zu Peirce, was dieser nun tatsächlich mit "Erstheit, Zweitheit, Drittheit" meinte, weitgehend im Unklaren. Erst die genaueste Aufklärung dessen könnte, wenn überhaupt, die These der Autorin rechtfertigen, dass Peirce ein Bewusstsein von logischer Mehrwertigkeit hatte und mit den formallogischen Mitteln von Günther adäquat und kongenial weitergeführt werden kann.

Noch gravierender allerdings ist die Tatsache, dass die in der Nachfolge von Günther entwickelte vierstufige Reflexionstheorie des Philosophen Johannes Heinrichs weder im Literaturteil von Ort erwähnt noch an irgendeiner Stelle überhaupt diskutiert wird. Heinrichs hat nämlich bereits 1980/81 im Anschluss an Günther, den Heinrichs noch persönlich kannte, eine „Reflexionstheoretische Semiotik“ entwickelt, die das dreiwertige System als grundsätzlich unzureichend kritisiert und um ein überhaupt erst systembildendes viertes Sinnelement (das Sinn-Medium aller Kommunikation und zwischenmenschlichen Zeichenprozesse) ergänzt und grundlegend erweitert. Sogar das Problem von angeblich uneinholbaren (reflexiven) und das Subjekt begleitenden, gelebten Erkenntnisprozessen, also die Unterscheidung von iterativer Unendlichkeit und strukturellem Abschluss der Reflexion, wurde bei Heinrichs schon 1978 in „Reflexion als soziales System“ ausführlichst erläutert und geklärt. (Das Buch erschien 2005 unter dem Titel „Logik des Sozialen“ in erweiterter Auflage und wurde Gotthard Günther gewidmet. Dessen briefliche Stellungnahme zur Erstauflage findet sich S. 106 f.) Im Anschluss daran folgten 1980/81 die erste streng reflexionslogisch aufgebaute Handlungs- und Sprachtheorie. Mit letzterer gelang es, auch literarische Texte bis hinein in die Fragen der Stilistik (als Meta-Syntax) strukturell zu analysieren. Damit war eigentlich schon genau das erreicht, was Ort mit dem, auch im Titel sehr nahen Ausdruck an den Begriff von Heinrichs in ihrer reflexionslogischen Semiotik jetzt als „neues Modell“ ausgibt, ohne dabei Heinrichs auch nur einmal zu nennen. Auch die in der Schule von Heinrichs entstandenen literatur- und psychoanalytischen Analysen der Texte von Kafka durch Rainer J. Kaus werden mit keinem Wort erwähnt, obwohl Ort genau auch an Kafka’s Texten, anhand von "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" und "Urteil" ihre reflexionslogische Interpretation festmachen will. Um die Verwunderung vollständig zu machen: Auch mit Peirce hatte sich Heinrichs in seinem Kant-Buch (2. Auflage als „Das Geheimnis der Kategorien“ unter der Überschrift „Kritik der Triaden“ (S. 241-267) bereits ausdrücklich und genau vom Standpunkt einer tetradischen Reflexionslogik kritisch auseinandergesetzt.

Wie ist es nun möglich, eine „Reflexionslogische Semiotik“ zu verfassen und dabei eine in zwei Büchern mit dem Titel „Reflexionstheoretische Semiotik“ und mehreren weiteren Werken entwickelte Reflexionslogik zu ignorieren? Ein Schelm, der hier Böses ahnt. Ein copy and paste Syndrom liegt hier jedoch nicht vor, behauptet zumindest die Autorin und zieht sich auf den Standpunkt zurück, dass sie Heinrichs bislang nicht gekannt habe, weil dieser kaum in den wissenschaftlich einschlägigen Büchern, wie z. B. Nöths „Handbuch der Semiotik“ rezipiert würde. Merkwürdig ist dann aber, dass Heinrichs in den Onlinerecherchen der bayerischen Universitätsbibliotheken ebenso leicht zu finden ist, wie unter den Google Ergebnissen zur Reflexionstheorie, Semiotik oder besonders auch unter den Begriffen von Reflexion + Semiotik. Zwar wurde auch Gotthard Günther zu Lebzeiten kaum wahrgenommen und von seinen philosophischen Kollegen eher gemieden, weil die ihm wahrscheinlich kaum gewachsen waren. Der Kern des Problems bei Ort liegt jedoch, abgesehen von in Forschungsergebnissen wie diesen kaum tolerierbaren Rechercheversäumnissen, vor allem in dem Defizit, sich immer nur im karrierefördernden Zitationskartell der universitären Fachbereichsvertreter aufhalten zu wollen, die ja nicht nur über die Annahme oder Ablehnung von Habilitationen zu entscheiden haben, sondern auch über spätere Berufungen auf lukrative Lehrstühle. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass auch die Habilitationsväter und Fachbereichskollegen von Ort die oben genannten Versäumnisse nicht bemerkt haben? Diese, sich als wissenschaftlich ausgebende Mentalität des sogenannten „herrschaftsfreien Diskurses“ ist zwar im höchsten Masse selbstgenügsam, indem sie sich inneruniversitär nicht gegenseitig in Frage stellt, doch ist diese Art von Diskurs weder erkenntnistheoretisch fortschrittlich, noch kann sie nach strengen Maßstäben als echte Forschung bezeichnet werden. Sie ist schlicht der staatlich sanktionierte Klüngel, von Beamten, die vermeintlich das Wissen an den Universitäten „beherrschen“. Die Privatdozentin am Institut für deutsche Philologie in München, Nina Ort, hätte die Chance gehabt, sich wenigstens mit einem qualifizierten Überblick über die wesentlichen Reflexionstheorien der Gegenwart und deren Anwendung auf die Literatur von der seltsamen Praxis des Ignorierens zu distanzieren. Mit der hier erwähnten Arbeit ist ihr das leider bisher nicht gelungen.

Nina Ort
Reflexionslogische Semiotik
Verlag Velbrück 2007
ISBN: 978-3938808160
38,00 Euro


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Für wen nicht überzeugend?

Es handelt sich keineswegs um persönlich wichtige Veröffentlichungen, die hier nicht beachtet wurden, sondern um die einzige Literatur explizit zum Thema und zum Titel "Reflexionslogische Semiotik". Diese in einer Habilschrift nicht zu erwähnen läßt nur den Schluss zu, entweder Absicht oder eben nicht qualifiziert genug für eine Habilitation zu sein, besonders, wenn die Peirce'sche Dreigliederung in dieser Literatur längst mit dezidiert logischer Begründung aufgehoben ist und der Günther'sche Ansatz längst weitergedacht wurde. Ein Abiturient, der die elementaren Grundlagen des von ihm behandelten Themas nicht beherrscht, ist durchgefallen, auch wenn er nur die gute Absicht hatte, sich für die Hochschule zu qualifizieren. Die hier aus welchen Motiven auch immer nicht berücksichtigte Literatur diskreditiert leider den gesamten Inhalt der Arbeit von Ort, werden hier doch nur andere, wissenschaftlich längst überholte Lösungsansätze erwähnt. Insofern geht es hier um den Inhalt des Buches und nicht nur um sein Literaturverzeichnis. Und was das Zitationskartell angeht: Wer auf Kosten des ernsthaften wissenschaftlichen Diskurses um die Problemlösung nur die eigenen bekannten Kollegen zitiert und fundamentale Ansätze, die auch noch dezidiert das Thema Reflexionstheorie und Semiotik behandeln, ausblendet, bleibt befangen und betreibt alles andere, eben nur keine Wissenschaft.

Gerd Weissenberg


Eine einseitige und nicht wirklich überzeugende Kritik an Ort

Dank dem Rezensenten für den Hinweis auf Heinrich und seine Schule. Leider wird der einseitig kritisch gehaltene Beitrag dem anspruchsvollen Buch von Ort nicht gerecht. Glücklicherweise gibt es für die Beurteilung wissenschaftlicher Neuerscheinung neben der vollständigen Würdigung der relevanten Literatur zum Thema auch noch andere Kriterien. Das Versäumnis der vollständigen Literaturrecherche wird man Ort wohl kritisch in Rechnung stellen müssen.

In zweierlei Hinsicht diskreditiert sich Weissenberg im Überschwang seiner Enttäuschung jedoch selbst: Unangmessen erscheint mir zum einen die ad hominem gerichtete Unterstellung, Ort habe sich aus niederen Beweggründen einem hermetischen Zitierzirkel der etablierten Akademiker angeschlossen. Das ist auf der Grundlage der vorliegenden Fakten nicht nur eine beleidigende Unterstellung, sondern suggeriert auch in einer nicht nachvollziehbaren Weise, dass es dem Verfasser einer wissenschaftlichen Qualifikationschrift vorzuwerfen sei, dass man damit etwas für die Karriere tun will. Das ist ungefähr so klug wie der Vorwurf an einen Abiturienten, dass es ihm bei der Niederschrift der Abiturklausuren auch um den Erwerb der allgemeinen Hochschulreife geht und nicht rein um die Sache selbst.

Und gerade wenn Weissenberg so viel Wert auf die faire Zurkenntnisnahme der relevanten Literatur Wert legt, dann sollte sich das (zum anderen) ja wohl auch auf die Qualität der Rezeption beziehen, neben dem "dass" auch auf das "wie". Wer eine wissenschaftliche Neuerscheinung dann aber ausschließlich an dem Kriterium misst, ob darin auch die persönlich für besonders wichtig erachteten Veröffentlichungen erwähnt sind, bietet selbst kein Beispiel für einen fairen und kompetenten Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs, den Weissenberg in seiner Besprechung so vehement fordert.